Veröffentlicht am · Steuerrecht Stand 2026
ETF oder Aktie ohne Dividende: Was ist steuerlich besser?
Eine Aktie, die keine Dividende zahlt, wird erst beim Verkauf besteuert. Bei einem thesaurierenden ETF kann schon während der Haltedauer Steuer auf eine Vorabpauschale anfallen. Trotzdem liegt der ETF in vielen Rechnungen vorn. Der Grund ist die Teilfreistellung, und die gibt es nicht umsonst.
Kurz gesagt: Es gibt keinen allgemeinen steuerlichen Sieger. Für den ETF sprechen die Teilfreistellung (30 % des Gewinns steuerfrei) und ein jährlich nutzbarer Sparer-Pauschbetrag. Dem steht eine steuerliche Vorbelastung im Fonds gegenüber, vor allem Quellensteuer auf Dividenden, die er nicht zurückerhält. Für die Aktie spricht die Steuerstundung, die mit der Laufzeit wächst. In unserem Beispiel liegen beide nach 30 Jahren nah beieinander; welche Variante vorn liegt, hängt von Laufzeit, Fondsbelastung und freiem Pauschbetrag ab. Der Vergleich unterstellt dieselbe Rendite. Das unterschiedliche Risiko entscheidet er nicht: Eine einzelne Aktie ist kein Welt-Aktienmarkt.
Zwei Wege, Kursgewinne zu besteuern
- Aktie ohne Dividende, unverändert gehalten: Während der Haltedauer fällt beim Anleger keine Steuer an. Beim Verkauf ist der ganze Gewinn steuerpflichtig, 25 % Abgeltungsteuer plus Soli. Die aufgeschobene Steuer arbeitet bis dahin im Depot mit, wie ein zinsloser Kredit vom Finanzamt.
- Thesaurierender Aktien-ETF: Für jedes Jahr wird geprüft, ob eine Vorabpauschale anzusetzen ist: höchstens 70 % des Basiszinses auf den Wert zu Jahresbeginn und nie mehr als der Wertzuwachs. Davon sind 30 % steuerfrei. Beim Verkauf mindern die angesetzten Vorabpauschalen den Gewinn, und auch vom restlichen Gewinn sind 30 % steuerfrei.
Die Teilfreistellung ist kein Geschenk. Sie soll die steuerliche Vorbelastung auf Fondsebene pauschal ausgleichen, also Steuern, die schon innerhalb des Fonds anfallen. Bei einem Welt-ETF ist das vor allem Quellensteuer auf Dividenden, die er nicht zurückerhält. Pauschal heißt: Der Ausgleich ist nicht bei jedem Fonds genau so hoch wie die tatsächliche Belastung. Bei einem physisch replizierenden irischen Welt-ETF fallen auf gewöhnliche US-Dividenden zum Beispiel 15 % Quellensteuer an. Bei rund 1,3 % Dividendenrendite und gut 70 % USA-Anteil kostet das etwa 0,15 Prozentpunkte Rendite pro Jahr, mit den übrigen Ländern grob 0,2. Das ist unsere eigene Überschlagsrechnung (Dividendenrendite mal nicht erstattete Quellensteuer), kein gemessener Wert eines bestimmten Fonds; Ländergewichte, Fondssitz und Steuerabkommen ändern sie. Wer nur die Teilfreistellung rechnet, aber diese Belastung weglässt, macht den ETF zu gut.
Das Beispiel
Die Annahmen des Beispiels:
- 100.000 € einmalig angelegt, jedes Jahr 7 % Marktrendite. Die 7 % enthalten die Dividenden der Unternehmen vor Quellensteuer; die Quellensteuer wird deshalb einmal gesondert abgezogen, nicht doppelt.
- Bei beiden 0,2 % laufende Kosten pro Jahr. Das ist eine bewusste Gleichsetzung, damit nur die Besteuerung verglichen wird; eine Einzelaktie hat oft keine laufenden Kosten (siehe unten).
- ETF: zusätzlich 0,2 % pro Jahr Quellensteuer-Belastung im Fonds, Basiszins 2,5 % in jedem Jahr. Die Steuer auf die Vorabpauschale wird durch den Verkauf von Fondsanteilen bezahlt; der Gewinn aus diesem Verkauf wird ebenfalls versteuert, Anschaffungskosten und angesetzte Vorabpauschalen gehen anteilig mit. Vereinfachung: Die Steuer wird am Jahresende gerechnet, gesetzlich gilt die Vorabpauschale erst am ersten Werktag des Folgejahres als zugeflossen.
- Kosten und Quellensteuer werden jedes Jahr von der Rendite abgezogen (7 % − 0,2 % − 0,2 %).
- Aktie: keine Dividende, keine Verkäufe bis zum Ende.
- Sparer-Pauschbetrag von 1.000 € pro Jahr frei für diese Anlage, Verkauf am Ende der Laufzeit, Abgeltungsteuer mit Soli, ohne Kirchensteuer.
| Laufzeit | ETF nach Steuer | Aktie nach Steuer | Unterschied |
|---|---|---|---|
| 10 Jahre | 175.245 € | 168.786 € | ETF +6.460 € |
| 20 Jahre | 313.084 € | 301.081 € | ETF +12.003 € |
| 30 Jahre | 565.519 € | 556.501 € | ETF +9.018 € |
| 40 Jahre | 1.027.642 € | 1.049.638 € | Aktie +21.996 € |
Nach 30 Jahren hat der ETF 19.790 € Steuer auf Vorabpauschalen und die Verkäufe zu ihrer Bezahlung gezahlt und beim Verkauf am Ende 75.913 €. Die Aktie zahlt alles am Ende: 163.176 €. Der Vorsprung des ETF wächst zunächst und schrumpft dann wieder. Unter diesen Modellannahmen liegt die Aktie ab dem 35. Jahr vorn und bleibt es im untersuchten Bereich bis 60 Jahre. Die Unterschiede sind klein: Nach 30 Jahren macht der Vorsprung des ETF rund 1,6 % des Endvermögens der Aktie nach Steuer aus.
Modellrechnung mit gleichbleibender Rendite, keine Empfehlung. Die Zahlen stammen aus dem Rechner, verlinkt am Ende des Artikels.
Was das Ergebnis kippt
| Änderung gegenüber dem Beispiel, 30 Jahre | Unterschied nach Steuer |
|---|---|
| Quellensteuer-Belastung des ETF 0 % (so rechnen viele Vergleiche) | ETF +39.714 € |
| Quellensteuer-Belastung 0,1 % | ETF +24.160 € |
| Quellensteuer-Belastung 0,2 % (Beispiel) | ETF +9.018 € |
| Quellensteuer-Belastung 0,3 % | Aktie +5.723 € |
| Quellensteuer-Belastung 0,4 % | Aktie +20.073 € |
| Sparer-Pauschbetrag schon durch andere Erträge verbraucht | Aktie +11.247 € |
| Basiszins 3,2 % wie 2026 in jedem Jahr | ETF +1.502 € |
| Marktrendite 5 % statt 7 % | ETF +7.475 € |
Nicht mehr nur Steuer, sondern ein Gesamtvergleich ist diese Variante: Hat die Aktie keine laufenden Kosten, der ETF aber 0,2 %, liegt die Aktie nach 30 Jahren 21.572 € vorn. Das ist vor allem ein Kosteneffekt, kein Steuereffekt.
Drei Dinge entscheiden:
- Die Quellensteuer im Fonds. Bei sonst unveränderten Annahmen herrscht für 30 Jahre bei rund 0,26 % jährlicher Belastung Gleichstand. Nach unserer eigenen Einschätzung liegt das in der für einen Welt-ETF plausiblen Spanne; gemessen ist es nicht. Wer mit einer Rendite vor Quellensteuer rechnet, muss die fondsinterne Belastung berücksichtigen. Bei tatsächlichen ETF-Renditen oder entsprechend bereinigten Indexreihen darf sie dagegen nicht noch einmal abgezogen werden.
- Der Sparer-Pauschbetrag. Beim ETF kann er die steuerpflichtige Vorabpauschale jedes Jahr ganz oder teilweise abdecken. Bei einer unverändert gehaltenen Aktie ohne Dividende fällt bis zum Verkauf kein steuerpflichtiger Ertrag an, der ihn nutzt; er wirkt nur einmal, im Verkaufsjahr. Wer den Pauschbetrag ohnehin mit Zinsen und Dividenden ausschöpft, verliert diesen Vorteil des ETF.
- Die Laufzeit. Die Stundung der Aktie wirkt wie Zinseszins auf die nicht gezahlte Steuer. Je länger gehalten wird, desto mehr zählt sie.
Ein höherer Basiszins macht die Vorabpauschale größer. Mit 3,2 % in jedem Jahr schrumpft der Vorsprung des ETF im Beispiel von 9.018 € auf 1.502 €, weil mehr Steuer früh gezahlt wird. Die angesetzten Vorabpauschalen mindern später zwar den steuerpflichtigen Veräußerungsgewinn, die bereits gezahlte Steuer steht bis dahin aber nicht mehr für die Anlage zur Verfügung. Was die Bank im Januar 2027 für 2026 abbucht, zeigt der Artikel Vorabpauschale 2026.
Und mit historischen Renditen?
Mit den historischen Weltaktien-Renditen (Kursindizes plus geschätzte Bruttodividenden), demselben Steuermodell und 0,25 % Quellensteuer-Belastung pro Jahr im Fonds lag die liegen gelassene Aktie 1995–2024 knapp vor dem thesaurierenden ETF (1.028.000 € zu 1.018.000 € nach Steuer), 1970–2024 deutlich. Ohne den Quellensteuer-Abzug hätte der ETF 1995–2024 vorn gelegen (1.089.000 €). Die Tabelle steht im Artikel Woher Buffetts Rendite wirklich kam. Auch dort hängt die Rangfolge also von der angenommenen Fondsbelastung ab. Die verwendete Weltaktien-Reihe ist eine eigene Nachbildung mit geschätzten Dividenden, keine tatsächlich erzielte ETF-Rendite.
Was die Steuer nicht entscheidet
- Klumpenrisiko. Der Vergleich gibt der Aktie dieselbe Rendite wie dem Weltmarkt. Eine einzelne Aktie kann über Jahrzehnte deutlich besser oder deutlich schlechter laufen, im schlechtesten Fall wertlos werden. Eine Untersuchung aller US-Aktien von 1926 bis 2016 zeigt, wie stark der Vermögenszuwachs auf wenige Unternehmen konzentriert war: 58 % der Aktien brachten über ihre Lebensdauer weniger als kurzfristige US-Staatsanleihen, rund 4 % erklärten den gesamten Mehrertrag des Aktienmarkts (Bessembinder, Journal of Financial Economics, 2018).
- Nur wenige große Unternehmen zahlen keine Dividende. Berkshire Hathaway ist das bekannteste Beispiel. Wer die steuerliche Stundung eines solchen Wertes nutzt, kauft immer auch das Unternehmen und sein Management. Und keine Dividende heißt nicht keine Steuer: Das Unternehmen selbst zahlt auf seine Gewinne Steuern, die in seiner Rendite bereits stecken.
- Steueroptimierte Strategien sind nicht gerechnet. Die Aktie wird bis zum Ende unverändert gehalten. Werden Gewinne innerhalb eines sonst ungenutzten Sparer-Pauschbetrags realisiert und die Anteile zurückgekauft, fällt darauf keine Steuer an, und der Einstand steigt; das kann das Ergebnis der Aktie nach Kosten verbessern. Auch beim ETF lässt sich ein verbleibender Pauschbetrag so nutzen (siehe Freibetrag nutzen). Weil der jährlich freie Pauschbetrag einen wesentlichen Teil des ETF-Vorteils im Beispiel erklärt, würde ein Vergleich beider optimierten Strategien näher beieinander liegen.
Selbst rechnen
Im Rechner lassen sich Betrag, Laufzeit, Rendite, Kosten, Quellensteuer-Belastung, Basiszins und freier Sparer-Pauschbetrag einstellen. Er zeigt auch, ab welcher Quellensteuer-Belastung und ab welcher Laufzeit die Aktie vorn liegt.
„ETF oder Aktie ohne Dividende“ in „Mein Geld“